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Lise


Hey,

Ich bin Lise Petersen, 16 Jahre alt und komme aus dem Norden von Schleswig-Holstein, wo ich in die 11. Klasse eines Gymnasiums gehe. Mir fehlt seit meiner Geburt der linke Unterarm, das hat mich aber noch nie eingeschränkt.


Ich bin die mittlere von drei Schwestern, Nele ist ein Jahr älter und Fine drei Jahre jünger und unter Geschwistern entstehen ja auch gern mal kleine Wettkämpfe und so war es natürlich auch bei uns.


Sport spielt schon immer eine große Rolle in meinem Leben, angefangen hat alles mit dem Kinderturnen, als ich noch ganz jung war. Als ich 3 Jahre alt war, ging es dann zum Handball.


Ich mochte Bälle und alles, was mit Werfen zu tun hatte, schon immer und auch eine fehlende Hand konnte mich nicht daran hindern, beim Handballspielen mit meinen Freunden zusammen den größten Spaß zu haben.

Oft konnte ich mir anhören, warum ich denn nicht Fußball spielen würde, wäre ja schließlich einfacher und naheliegend, wenn man nur eine Hand hat. Aber das war nie eine Option. Der Wille, genau diesen Leuten zu zeigen, dass ich einhändig sehr wohl alles schaffen kann, was auch andere mit zwei Händen können, war einfach zu groß. Dementsprechend groß dann das Staunen darüber, dass weder einhändig Bälle zu fangen, noch mit Gegnerinnen in Situationen mit Körperkontakt zu kommen, ein Problem waren. Vielleicht war es etwas schwieriger als für einige Andere, diese Sportart zu lernen, aber ich wusste von Anfang an dass es machbar ist, und das war das Einzige, was für mich zählte.


Dann lernte ich Britta Jänicke kennen, die mit der gleichen Fehlbildung lebt, wie ich sie habe. Ich erfuhr, dass sie es im Handball bis in die Bundesliga schaffte. Ich war fasziniert.


Vor allem aber wurde mir klar, dass - egal was die Leute sagen, was man kann oder nicht kann - man alles schaffen kann, solange man selbst davon überzeugt ist und daran glaubt.

Von da an hatte ich nur noch ein Ziel vor Augen, ich wollte es, genau wie Britta, in die Handball-Bundesliga schaffen und allen zeigen was ich kann. Es kam allerdings alles ganz anders als ich es mir hätte erträumen können.


Ich erfuhr nämlich, dass Britta nicht nur im Handball so erfolgreich war, sondern auch in der Leichtathletik, genauer gesagt in der Para-Leichtathletik und es dort sogar zu den Paralympics geschafft hatte.


Es war als würde ich in eine ganz neue Welt eintauchen - noch nie hatte ich davon gehört, dass es Paralympics, also quasi Olympia, für Menschen mit körperlichen Behinderungen gibt und auch die Para-Leichtathletik war für mich ein ganz neues Thema.


Leichtathletik für Menschen mit Behinderungen, sich in verschiedenen Disziplinen mit Anderen messen, die das gleiche Handicap haben wie man selbst - das war alles Neuland für mich. Aber ich war interessiert und dann kam Britta vor fast 8 Jahren im Jahr 2014, kurz vor meinem 9. Geburtstag, zu meinen ersten Deutschen Meisterschaften in der Para-Leichtathletik.


Das Ziel: Spaß haben und Erfahrungen sammeln. Natürlich gab ich trotzdem alles, um im Dreikampf, welcher Sprinten, Springen und Werfen umfasst, zu zeigen was ich kann. Am Ende fuhr ich mit meinem ersten Titel nach Hause: ich wurde „Deutsche Meisterin“.


Ich fing an, regelmäßig zu trainieren, entwickelte eine Leidenschaft für diesen Sport, es war schnell nicht mehr nur ein Hobby. Ich fuhr jedes Jahr wieder zu den Deutschen Meisterschaften, bin mittlerweile 17-fache Deutsche Meisterin und vor allem aber dankbar für viele Freundschaften und Möglichkeiten zum Austausch, die sich daraus bis heute entwickelt haben.


Ich fing an mit dem Speerwurf, das wurde dann schnell mein Favorit und ist mittlerweile meine Hauptdisziplin. 2019 wurde ich relativ überraschend für die Junioren-Weltmeisterschaften der Para-Leichtathletik nominiert und bekam somit kurz nach meinem 14. Geburtstag die Chance, zum ersten Mal auf einem internationalen Wettkampf für Deutschland zu starten. Es war eine unvergessliche Erfahrung. Doch bei der Erfahrung blieb es nicht, neben zwei 8. Plätzen im Sprint konnte ich mich im Speerwurf der unter 17-jährigen Mädchen durchsetzen und kam als Junioren-Weltmeisterin wieder nach Hause.


Um mich sportlich weiterentwickeln zu können wechselte ich daraufhin zum TSV Bayer 04 Leverkusen. Mein langfristiges Ziel: die Paralympics 2024 in Paris.



Und auch dieses Mal lief alles anders als gedacht, denn durch die Verschiebung der Olympischen Spiele und damit auch die Verschiebung der Paralympics ins Jahr 2021 wurde ich überraschenderweise für diese nominiert und gehörte plötzlich zum Team, das im Sommer 2021 nach Tokio fliegen und dort Deutschland bei den Paralympics repräsentieren würde.


Mein großer Traum von den paralympischen Spielen ging in Erfüllung und dann auch noch so viel früher als gedacht. Ein unglaubliches Erlebnis, was ich mit einem 7. Platz im Speer Wettbewerb der Frauen beendete.


Mein Sport gibt mir die Chance, sowohl denen, die mir sagten ich könne etwas nicht, weil mir eine Hand fehlt, aber besonders auch mir selbst zu beweisen, wie unwichtig es ist, ob man ein Handicap hat oder nicht, denn allein der Mut damit offen umzugehen und an sich selbst zu glauben ist von Bedeutung.


Meine oft als solche bezeichnete „Einschränkung“ hat mir, ganz im Gegenteil, bereits so viele Chancen und Erfahrungen ermöglicht, für die ich sehr dankbar bin.


Eine fehlende Hand macht mich nicht zu einem anderen Menschen, es ist einfach etwas Besonderes.

Im paralympischen Sport ist es so, dass - egal was für eine Behinderung die verschiedenen Athleten haben - am Ende alle das gleiche Ziel verfolgen. Am Ende haben alle hart trainiert und vielleicht jahrelang für ihren Traum gearbeitet, um eines Tages auf der großen Bühne des Sports zu stehen und der Welt zu zeigen, was man drauf hat.


Dann macht es keinen Unterschied mehr, inwiefern man gehandicapt ist, weil der gleiche Traum und die vielleicht nicht immer leichte Vergangenheit alle vereinen. Auf einmal sind alle gleich, egal wie unterschiedlich sie sich eigentlich doch sind. Und ich denke im Alltag ist es genau so, denn egal ob mit oder ohne Behinderung, Mensch ist Mensch und jeder ist auf seine Weise besonders und das ist etwas Schönes!

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